Helden in Strumpfhosen? – Robin Hood and the merry men

Die Geschichte um den edlen Helden Robin Hood ist seit vielen Jahrzehnten sehr beliebt in allen Medien. Kino, Fernsehen, Spiele – die bekannte Figur hat den charmanten Vorteil, dass es sich um eine freie Geschichte handelt. Man hat also ein bekanntes Franchise ohne Lizenzkosten, das man nach Belieben ausschlachten kann.

Final Frontier Games hat sich dieses Themas auch angenommen und ein Kennerspiel zu diesem Thema herausgebracht, das wir hier vorstellen möchten.

Thematisch sind wir als Rebellen in der Umgebung von Nottingham, wo der Sheriff von Nottingham, Prinz John und Guy de Guisborne das Land auspressen. Auf vier verschiedenen Straßen karren die Wagen das Silber nach Nottingham, was wir verhindern müssen. Denn wenn aus einer Himmelsrichtung das gesamte Silber in Nottingham angekommen ist, haben alle Spieler verloren.

Das gilt es zu verhindern. Gleichzeitig sammelt jeder Spieler für sich Ansehens- und Siegpunkte, um nach fünf Runden von letzteren die meisten zu haben und so die Führungsrolle für die Zeit nach dem Ende des Sheriffs von Nottingham für sich zu beanspruchen.

Das Spiel ist in zwei Phasen unterteilt. In der ersten schicken wir die Gefährten unseres Helden los, Ressourcen zu sammeln, Barrikaden oder Fallen zu bauen, Waffen zu schmieden, in der Stadt Reiche auszurauben oder ins heilige Land zu reisen, um Aufträge von König Richard zu erfüllen. Letztere bringen am Ende des Spiels Siegpunkte und beinhalten eine offen ausliegende Voraussetzung. Im Grunde ist das klassisches Workerplacement – mit einem netten Kniff. Am Anfang der Runde haben wir Gefährtenkarten gezogen. Diese haben Symbole, die bei aktiver Nutzung beim Einsetzen z.B. mehr Ressourcen geben bzw. eine Aktion wie Bauen oder Reisen erst ermöglichen. Wenn wir das tun, geht unser Gefährte am Einsatzort in einen Unterschlupf und verschafft sich die Vorteile auf illegale Weise, was die Gefahr erhöht, geschnappt zu werden. Nutzen wir ein Einsatzfeld offen, also mit verringerter Gefahr und Ressourcenausbeute, spielen wir eine Gefährtenkarte „passiv“ und bekommen am Ende die darauf abgebildeten Siegpunke. Das ist schon eine nette Idee, die aber natürlich noch einmal eine Ebene von Komplexität zufügt.

Die zweite Phase des Spielers ist die Heldenphase. Jeder Spieler verkörpert einen Helden, der bestimmte Vorteile mit sich bringt. Dieser Held kann jetzt die Karren überfallen, eventuell gefangene Gefährten (eigene oder fremde) aus den Fängen des Sheriffs befreien, am Bogenschießen teilnehmen und einige Aktionen mehr durchführen. Auch hier handelt es sich um klassisches Workerplacement.

Dazwischen gibt es eine Schurkenphase, in der per Kartensteuerung die Bösewichte über das Feld ziehen und so Gefährten gefangen nehmen, Ressourcen fressen, Barrikaden zerstören oder anderweitig den Spielern das Leben erschweren. Zudem fahren aus bestimmten Richtungen Karren mit Silber los, was ggf. auch zu Problemen führt, wenn der Weg frei ist. Sind ausreichend viele Karren in Nottingham eingefahren oder überfallen, gibt es eine Steuererhöhung, was eine weitere Eskalation der Probleme der Spieler bedeutet.

Ich habe bewusst nicht alle Spielelemente im Detail erklärt, viele Aktivitäten sind noch ausführlicher zu erklären. An diesen Ausführungen merkt man schon: Robin Hood ist kein Einsteigerspiel. Es richtet sich an den erfahrenen Spieler, der sich über viele Spielelemente freut, die es aufeinander einzustellen gibt.

Was ich spannend an Robin Hood finde, ist der semi-kooperative Ansatz. So wie ich mich um mein eigenes Ansehen und meine Siegpunkte kümmern muss, so sehr müssen die Spieler sich absprechen, um die fünf Runden zu überstehen, ohne dass der Silbervorrat an einer Straße ausgeht.

Optisch macht Robin Hood viel her. Mihajlo Dimitrievski hat die Grafiken gestaltet, seine Arbeit fand ich bei „Räuber der Nordsee“ und „Architekten des Westfrankenreich“ hervorragend. Nicht ganz so schön wie bei den genannten Spielen ist die Symbolik. Zwar ist Robin Hood komplett sprachneutral, aber so schön eingängig wie bei den beiden Spielen von Garphill Games sind die Symbole leider nicht.

Ich besitze die Deluxe-Edition, die mit Holzkomponenten aufwartet. Diese sind wirklich sehr gelungen, nur passen bei manchen Ressourcen Optik auf den Plättchen und Form der Holzkomponente nicht zusammen. Beim Werkzeug und beim Eisen fällt das sehr auf. Das mag Jammern auf hohem Niveau sein, zeugt aber von der fehlenden letzten Konsequenz beim Design.

Spielerisch ist Robin Hood ein Schwergewicht, das Anfänger mit vielen Details und Optionen massiv überfordern wird. Experten werden auch etwas brauchen, um alle Optionen zu durchschauen. Allerdings ist der Weg zum Sieg relativ klar. Ohne den Bau von Barrikaden und Fallen geht es nicht, gleichzeitig muss man Wächter bekämpfen und/oder Karren überfallen. Während bei anderen Workerplacement-Spielen es mehrere Wege gibt, Punkte einzusammeln, ist die Grundstrategie bei Robin Hood relativ klar. Dadurch wird das Spiel eher taktisch, was aber auch seinen Charme hat. Man tüftelt also weniger am großen Ganzen, sondern an der richtigen Schrittfolge, um so ressourcenschonend wie möglich Erfolge zu feiern.

Robin Hood leidet nicht nur ein wenig an der nicht ganz passenden Symbolik, die nicht so eingängig ist, auch die Anleitung ist schwer zu lesen und zu verstehen. Hier wird vieles kompliziert und in seltsamer Reihenfolge erklärt.

Hat man das erst einmal durchschaut, offenbart sich dem geneigten Spieler ein spannendes Spiel mit ganz vielen guten Ideen (aktives und passives Spielen der Gefährten, semi-kooperativer Ansatz, „aktive“ Schurken). Bemängeln darf der Vielspieler, dass bei all den vielen Spielelementen und guten Ideen der Weg zum Ziel ziemlich klar vorgegeben ist, da mathematisch nichts anderes zum Sieg führt als die oben beschriebene Grundstrategie, die nur Variationen in Nuancen zulässt.

Positiv ist hervorzuheben, dass es auch eine vollkooperative Variante sowie eine gute Solo-Variante gibt, so dass es auch eine gute Wiederspielbarkeit gibt. Auch finde ich die Thematik der Geschichte um Robin Hood schön im Spiel wieder. Es ist nicht wie anderswo ein übergestülptes Rahmenwerk, sondern das Spiel ist stimmig in der Robin-Hood-Geschichte angesiedelt.

Mir gefällt Robin Hood nicht nur auf Grund der Optik sehr gut. Hat man sich mit den Schwächen arrangiert, bekommt man ein durchdachtes Spiel, das viel Spaß auf den Spieltisch bringt. Für die höchsten Ehren hat das Spiel zwar zu viele Schwächen, aber „Robin Hood and the merry men“ ist ohne Frage auch ein schönes Beispiel für ein gelungenes Kickstarter-Projekt.

In der folgenden Galerie haben wir noch mal vieles geschriebene zusammengefasst und ein paar andere Informationen untergebracht.

Spielbox Vorderseite
Das Titelcover ist schon mal ganz gelungen.
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Wer die Gelegenheit hat, der sollte Robin Hood and the merry men auf jeden Fall mal ausprobieren.

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